Der nachfolgende Artikel erschien im "Echo" am 02.01.2008

Ein Dutzend Füchse im Schafspelz - Ehepaar Krammer betreibt einen Arche-Hof in Eppingen-Mühlbach - Viel Anerkennung für Arbeit im Jahr 2007

Wie jeden Tag fährt Hartmut Krammer auch heute mit seinem Kleintransporter von der Eppinger Innenstadt aus über die Landwirtschaftswege in Richtung Ortsteil Mühlbach. Es ist kalt und zugig - kein ideales Wetter also für einen Spaziergang durch die Kraichgauer Hügellandschaft. Doch zum Spazieren ist der 53-Jährige nicht hier.

Der hochgewachsene Mann, hauptberuflich Inhaber einer Massagepraxis in Eppingen, bewirtschaftet zusammen mit seiner Frau Silvia den "Kraichgauer Arche-Hof" inmitten der weiten Felder um Mühlbach. Dabei ist der Name Programm, denn der Hof ist von der "Gesellschaft zur Erhaltung alter und gefährdeter Haustierrassen" (GEH) zertifiziert. Wie in rund 80 weiteren Arche-Höfen in Deutschland leben hier vom Aussterben bedrohte Nutztiere.

Den Wunsch, Bauer zu werden, habe er schon lange gehegt, erzählt Krammer. In einer Familie mit kleiner Landwirtschaft in Mühlbach aufgewachsen und bereits seit den 80er Jahren Besitzer von Schafen, erfüllte er sich 2001 den Traum vom eigenen Hof. Einen Teil des eineinhalb Hektar großen Eigenlands erbte er vom Großvater, den anderen Teil kaufte er einer alten Mühlbacherin ab.

Hier begannen die Krammers zunächst mit der Kultivierung von Streuobstbäumen. Zusätzliche dreieinhalb Hektar Land von umliegenden Landwirten dienen der Heuernte und als Weidefläche für die Tiere. 2004 wurde das neue Stall- und Lagergebäude gebaut, ein Jahr später kam dann die Anerkennung als Arche-Hof.

Rund ein Dutzend Schafe, sogenannte Coburger Füchse, sind schon von Weitem zu sehen. "Die gab es schon im Mittelalter", erklärt Krammer. Ihren Namen verdanken sie dem besonderen Fell, das bei Geburt komplett rotbraun ist und diesen Ton später an Kopf und Beinen behält. Im Gehege hinter dem Stall watscheln fünf Diepholzer Weidegänse umher, die ganz aufgeregt schnattern, als sie Krammer wahrnehmen.

Im Bienenstock auf der Streuobstwiese überwintern sieben Völker der sogenannten Dunklen Biene. Das unerklärliche Absterben von Krammers gesamten Bestand vor zwei Jahren sei sehr bedrückend für ihn gewesen. "Momentan weiß man bei der Imkerei nicht, wo man dran ist", sagt Hartmut Krammer nachdenklich.

Im Stall angekommen, gibt es für die zwei Hinterwälder Rinder "Ronja" und "Linda" reichlich Wasser, Futter und Stroh. Die Schwarzwaldziegen "Piri", "Georg", "Karin" und "Polly" hüpfen fröhlich zu ihrem Besitzer. Diesem merkt man an, wieviel Freude ihm die Arbeit mit seinen Tieren bereitet. "Es ist wichtig, Tiere als Wesen anzuerkennen. Das heißt nicht, so sentimental zu sein, die Tiere nicht zu schlachten. Das Fleisch kann ich dann aber auch mit gutem Gewissen essen", sagt Krammer bestimmt.

Über Lob vom Tierarzt für die hervorragende Haltung und Verfassung seiner Tiere freut sich Krammer oder - wie der schmunzeln berichtet - wenn die Bäuerin vom Nachbarhof sagt: "In diesem Stall möchte ich auch Rind sein."

Ein naturverträgliche Wirtschaftsweise verfolge er, meint Krammer. Nächstes Jahr wolle er dies mit der Bio-Zertifizierung seiner Waren bestätigen lassen. Derzeit verkauft er nur Schaffleisch. In seinem Verständnis von bäuerlicher Wirtschaft stünde an erster Stelle die Selbstversorgung der Familie, danach kämen Freunde und Bekannte zum Zug - und erst dann der Verkauf der Produkte.

Die soziale Komponente der Arbeit mit Freunden und Verwandten ist Krammer wichtig - so zum Beispiel bei der Heuernte oder wie jüngst beim Pflügen, als ein Freund mit seinem Pferd aushalf. "Es ist schön, nach getaner Arbeit gemeinsam zu essen, zu trinken und zu quatschen", erzählt der "Exot" (so Krammer) unter den Mühlbacher Bauern.

Seine ganzheitliche Sicht der Landwirtschaft vermittelt Krammer in Führungen und Seminaren auf dem Hof. So sind zum Beispiel seit zwei Jahren regelmäßig Erstklässler dabei, wenn die Schafe geschoren werden. Und seit Oktober dürfen Kinder und Jugendliche im Rahmen des Eppinger JuLe-Projekts einmal wöchentlich auf dem Hof mit anpacken. Dieser Teil seiner Arbeit liegt Krammer sehr am Herzen. "Ganz viel Aufklärung, Information und Bildung" wünscht er sich, weshalb er ein "Bildungszentrum Agrarökologie, Gesundheitspädagogik, Naturphilosophie" auf dem Arche-Hof plant.

Anerkennung für ihre Arbeit erhalten die Krammers nicht nur von der lokalen Bevölkerung, sondern weit über die Ortsgrenzen hinaus. Dieses Jahr gehörte Hartmut Krammer zu den Nominierten für den Panter-Preis, mit dem die Berliner "tageszeitung" Personen auszeichnet, die mit Mut und Phantasie etwas in der Gesellschaft bewegen. Auch wenn es nicht ganz zum Hauptpreis reichte, konnte Krammer mit den 1.000 Euro für die Nominierung eine neue Wasserzisterne für den Arche-Hof anschaffen.

Völlig überraschend erhielten die Krammers dann Ende November den mit 2.000 Euro dotierten "Paulchen Award". Den vergibt die Paulchen Tierhilfe in Untergruppenbach an Menschen, die sich in außergewöhnlicher Weise für Tiere einsetzen. Das Preisgeld fließt in die GEH-Projekte "Dunkle Biene" und "Schwarzwaldziege" - und damit in den Fortbestand von Tierarten, die auch auf dem Mühlbacher Arche-Hof zu Hause sind.

Kontakt: Kraichgauer Arche-Hof in Eppingen-Mühlbach, Silvia und Hartmut Krammer, Eichendorffstraße 32, 75031 Eppingen, Telefon 07262/6249