Der nachfolgende Artikel erschien in der "Heilbronner Stimme" am 17.06.2009

Zaunkönige und Brathähnchen

Untergruppenbach - Was sitzt auf dem Zaunpfahl und hat eine Krone? Ist doch klar: der Zaunkönig. Bei der Klasse 4a in der Untergruppenbacher Stettenfelsschule steht ausnahmsweise kein Mathe oder Deutsch auf dem Stundenplan. An diesem Vormittag geht es um Vögel.

Mit echten Flügeln, Zeichnungen und ganz viel Witz weckt Vogelexperte Ralf Gramlich das Interesse der Schüler.

Schnäbel, Füße und Flügel hat Ralf Gramlich von der Orni-Schule aus Zaberfeld mitgebracht. Im vergangenen Jahr hat der gemeinnützige Verein den Paulchen-Award von der Paulchen Tierhilfe Untergruppenbach erhalten und dafür ein Spektiv zur Vogelbeobachtung gekauft. Matthias Hoyer von der Tierhilfe nutzte die Gelegenheit, und lud Gramlich nach Untergruppenbach ein. Etwa zehn Mal im Jahr besucht der Verein Schulen und gibt einen Einblick in die Vogelwelt.

Provokation Welcher Vogel dreht sich noch 400 Mal, nachdem er gestorben ist? Große Fragezeichen in den Gesichtern der Kinder. "Das Brathähnchen", sagt Gramlich. Ein bisschen Provokation muss sein, und so behauptet er frech: "Ihr alle tötet jedes Jahr Vögel!" Entrüstet schauen sich die Viertklässler an. "Ich hab' noch keinen Vogel umgebracht", sagt ein Schüler und schüttelt den Kopf. Gramlich lässt sich nicht abbringen. "Ihr fahrt mit dem Auto, benutzt Flugzeuge", gibt er ein paar Beispiele. "Für den Wohlstand opfern wir Lebensräume der Tiere", erklärt der 46-Jährige. "Wir machen das zwar nicht bewusst, sind aber nicht unschuldig."

Mit seinem Unterricht will Gramlich, Leiter der Orni-Schule, eine Lanze für die Vogelwelt und die Natur brechen. Die Kinder für das Thema sensibilisieren, ihnen die Schönheit vor Augen führen und sie am besten gleich anstecken.

Das alles macht er ehrenamtlich. Allerdings hat er auch beruflich mit dem Thema zu tun. Gramlich arbeitet im Regierungspräsidium Karlsruhe im Bereich Naturschutz und Landschaftspflege.

Von der schnarchenden Schleiereule bis zur Vogelgrippe - die Themen sind breit gefächert. "Es ist ein Blick durchs Schlüsselloch", sagt der Experte. In der kurzen Zeit gibt es nur eine kleine Einführung in die vielfältige Vogelwelt. "Wir hatten heute Morgen schon ein Aha-Erlebnis", erzählt Matthias Hoyer. Kaum war das Spektiv aufgestellt, entdeckten Kinder und Erwachsene durch die Fenster auch schon Vögel auf dem Pausenhof.

Nach der Theorie geht es ins Freie. Ausgestattet mit Ferngläsern machen sich die Schüler auf die Suche nach den fliegenden Geschöpfen. Dafür müssen sie gar nicht weit gehen. Direkt vor der Türe gibt es Tauben, Krähen, Amseln und mehr zu entdecken. Obwohl Elisas Vater auch Vogelkundler ist und sie bereits viel weiß, hat sie dennoch viele spannende Dinge erfahren. Und auch Mona gefällt der etwas andere Unterricht. "Ich finde es ganz toll, dass es große, aber auch ganz kleine Vögel gibt", sagt sie. Anhand von Gerippen zeigt Gramlich die Unterschiede auf. Ein Vogelkopf fast so groß wie seine Hand, daneben ein kleines Ding, das gerade mal mit einem Daumen mithalten kann.

Verboten Alles ganz nah sehen, das gefällt Jana und Cassandra. Dass es gesetzlich verboten ist, Vogelfedern mitzunehmen, wenn sie welche finden, haben sie nicht gewusst. Schade finden sie und ihre Klassenkameraden das, hat der Vogelexperte doch ihr Interesse an den gefiederten Tieren geweckt.

"Hervorragend" findet Klassenlehrer Friedrich Eisenmann den Unterricht von Gramlich. "Wir Lehrer können nicht von allem Ahnung haben. Die Experten wissen das viel besser. Was Tolleres kann uns nicht passieren."